DiabetesStiftung DDS - Für die Menschen - gegen Diabetes !

Praktische Hilfe zur Selbsthilfe

Zahlreiche Institutionen bieten Kurse an, in denen man lernt, seinen Lebensstil zu verändern.


W&B Pfaum: Gruppentraining mit Dipl.-Sportlehrerin Ute Haas

 

Die Kulisse stimmt: Rechter Hand residiert die Deutsche Sporthochschule, geradeaus erhebt sich der Backsteinbau des Kölner Sportamtes, hinter dem die mächtige Tribüne des Rhein-Energie-Stadions in den Himmel ragt. Auf der Rasenfläche zwischen all den imposanten Sportstätten und -institutionen treffen sich Menschen zum Ausgleichssport – sie joggen, walken oder spielen Fußball. Trainingsanzüge, wohin das Auge blickt. Etwas abseits hat sich eine Gruppe postiert, die aus dem Rahmen fällt. Frauen nd Männer stehen im Kreis, denen man ansieht, dass sie ein paar Kilos zuviel auf den Rippen tragen. Eine zierliche Frau in der Mitte gibt Anweisungen: "Erst geht ihr euch ein paar Bahnen warm. Dann nehmt ihr Bälle und spielt sie einander mit dem Fuß zu."

Die Frau in der Mitte ist Ute Haas, 41, eine Diplomsportlehrerin, die sich auf Sport mit Übergewichtigen spezialisiert hat. In den Kursen ihres Kalorienbalance-Instituts in Köln geht es anfangs gar nicht um das Abnehmen. Haas erläutert: "Zunächst wird versucht, langsam die Fitness zu verbessern." Schließlich ist genau das der Grund, weshalb viele Übergewichtige Sport treiben wollen: Es nervt sie, schon nach einer Treppe ins Schwitzen zu geraten oder nur schwer schnaufend zum Bus laufen zu können.


Angepasstes Training

Bevor sich aber Fitness und Stoffwechsel bessern, gilt es einige Hürden zu überwinden. Die erste Schwierigkeit: Viele Übergewichtige haben verlernt, wie man sich bewegt. Am Anfang stehen daher einfache Koordinations- und Bewegungsübungen im Vordergrund. Zur Sicherheit übt jeder Teilnehmer mit einem Pulsmessgerät, um notfalls die Intensität zu drosseln, wenn der vorher errechnete individuelle Trainingspuls überschritten wird. Eine andere Schwierigkeit, mit der sich Haas auseinander zu setzen hat, sind Motivationstiefs: "Ich muss ständig auch Spaß vermitteln, damit die Leute regelmäßig kommen. Nur dann stellt sich der Erfolg ein."

Rein medizinisch betrachtet bedeutet "Erfolg" einen Gewichtsverlust und einen verbesserten Stoffwechsel. Dann erst sinkt das Risiko für Diabetes-Erkrankungen und deren schlimme Folgen. Nur selten gelingt es Übergewichtigen, sich alleine aus dem Strudel von Übergewicht, Bewegungsmangel und hochkalorischer Ernährung zu befreien. Meistens gilt – im übertragenen wie im Wortsinn: Je umfangreicher das Problem, desto schwerer lässt es sich beheben. Ohne fremde Hilfe geht oft gar nichts.

 

Langfristige Ernährungsumstellung

Mit dem sperrigen Begriff "Interventionsprogramme" bezeichnen Ärzte die entsprechenden Hilfsangebote. Deren Ziel lässt sich immer auf dieselbe Formel bringen: weniger essen, sich mehr bewegen. Ernährung und Bewegung müssen stets gleichberechtigt betrachtet werden, betont Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München und Beirat der Stiftung Rufzeichen Gesundheit!. "Allerdings lässt sich mit einer Ernährungsumstellung rascher auf Gewicht und Stoffwechsel Einfluss nehmen." Doch von Diäten hält er wenig: "Immer wenn es sich um kurzfristige Konzepte handelt, bringen sie nicht viel. Ziel muss es sein, langfristige Ernährungsumstellungen zu erreichen."

 

Hilfe zur Änderung des Lebensstils

Langfristige Ziele haben auch die Mitglieder der Kölner Sportgruppe. Fast alle nehmen an dem Interventionsprogramm "Mobilis" teil, das bundesweit angeboten wird und speziell auf stark Übergewichtige (Body-Mass-Index zwischen 30 und 40) zugeschnitten ist. Es bietet Hilfe bei einer dauerhaften Umstellung des Lebensstils. Zu dem Bewegungstraining kommen Ernährungsinformationen und eine psychologische Betreuung.

Das Gemeinschaftsprojekt des Universitätsklinikums Freiburg und der Deutschen Sporthochschule Köln hat Andreas Berg, heute Geschäftsführer von Mobilis, von Anfang an begleitet: "Wir versuchen, die Eigenverantwortung des Einzelnen zu stärken." Gewährleistet werden soll dies unter anderem dadurch, dass für jeden Mobilis-Kurs, der zwölf Monate dauert, ein Team von speziell ausgebildeten Sportlehrern, Psychologen, Ernährungsexperten und Medizinern zur Verfügung steht. Im ersten halben Jahr bestimmen wöchentliche Sporteinheiten und regelmäßige Gruppentreffen das Programm. "Anschließend beginnt die Phase, in der die Teilnehmer nur wenige Sitzungen haben und eigenverantwortlich die Ernährungsumstellung und das Sportprogramm umsetzen", sagt Berg. Einzige Hilfestellung: monatliche Gruppentreffen.


Große und kleine Erfolgsgeschichten

Die Gruppe auf dem Kölner Rasen hat die Sportart gewechselt: Statt Fußball wird jetzt Volleyball gespielt. Die Teilnehmer stehen im Kreis, baggern und pritschen sich die Bälle zu. Mittendrin steht Theo Schorn, der Vorzeigeathlet der Gruppe. Der Hobby-Autorennfahrer hat bereits 18 Kilogramm abgenommen. "Noch fehlen 14 Kilo, dann bin ich unter der Hundertergrenze. Wenn mir das gelingt, gönne ich mir als richtig große Belohnung einen Porsche", sagt der Malermeister. Nicht nur Theo Schorn hat von "Mobilis" profitiert, fast alle Teilnehmer können ihre Erfolgsgeschichte erzählen. Das spricht sich herum: Seit dem Start des ersten Kurses in Freiburg vor drei Jahren ist das Angebot stark ausgeweitet worden. "Mittlerweile finden in allen größeren deutschen Städten Kurse statt", freut sich Berg. Auch die Krankenkassen haben die Bedeutung erkannt. Von den Gebühren erstatten sie meist 85 Prozent. Die einzige Voraussetzung ist der Nachweis einer regelmäßigen Teilnahme.

Eine Alternative zu Mobilis ist "Praedias". Auch bei diesem Programm sind Ernährung und Bewegung die tragenden Säulen. Es besteht die Möglichkeit, an Gruppenabenden teilzunehmen oder die Informationen in schriftlicher Form durchzuarbeiten. Allerdings gibt es Praedias bisher nur in wenigen Regionen Deutschlands.

Für Interessenten, die nicht an einem Kurs teilnehmen können, gibt es andere Möglichkeiten, die sich alleine umsetzen lassen. Ein Beispiel ist der von dem Präventions-Experten Dr. Peter Schwarz erarbeitete Kalender "Gesund Leben 2007" mit praktischen Tipps zu den Themen Ernährung und Bewegung.

Ein anderes Programm ist die "Chipliste" von Dr. Klas Mildenstein von der Medizinischen Hochschule Hannover, die jedem Nahrungsmittel einen bestimmten Chipwert zuordnet. So kann man schnell erfassen, was gesund ist und welche Lebensmittel gemieden werden sollten. Die Liste gibt es in der Apotheke.

Ebenfalls in Eigenregie lässt sich das "Schwertfisch-Konzept" umsetzen, das Professor Hans Immler von der Universität Kassel entwickelte. Der Schwerpunkt liegt auf dauerhaften Verhaltensänderungen, durch die mehr Bewegung und gesündere Ernährung auf einfache Weise in den Alltag integriert werden. Die entsprechenden Empfehlungen und Tipps werden in Büchern vermittelt. Seit kurzem gibt es auch ein Programm zur Verhaltensänderung. "Die Kurse dauern drei Monate", erklärt Immler. "Dabei werden Erfahrungen ausgetauscht, Informationen vermittelt und Erfolge kontrolliert, in engem Kontakt mit einer Arbeitsgruppe an der Universität Kassel."

 

Angebote gibt es genug

Möglichkeiten, ein erhöhtes Diabetes-Risiko aktiv in den Griff zu bekommen, gibt es also genug. Auch das örtliche Fitness-Studio oder den Sportverein um die Ecke sollte man in Erwägung ziehen; viele davon bieten heute bereits Kurse für Übergewichtige an. Nachfragen lohnt sich auch bei der Krankenkasse. Wichtig ist, dass das Angebot sowohl die Ernährungs- als auch die Bewegungsseite berücksichtigt und zudem langfristige Ziele verfolgt. Wenn das der Fall ist, dann haben Sie eine hohe Sicherheit, dass Sie mit dem Programm wirksam gegen Ihr Diabetes-Risiko angehen. Nicht immer jedoch ergreifen die Betroffenen rechtzeitig die Initiative. Das zeigen die steigenden Zahlen von Menschen mit Typ 2 Diabetes. Der Grund ist oft die Unkenntnis der eigenen Gefährdung. Umso wichtiger also, Risikotests auszufüllen und vor allem die sich daraus ergebenden Warnungen auch ernst zu nehmen. Andreas Becker (Name geändert) hat nie einen Risikotest gemacht. Dass sein beträchtliches Übergewicht zwangsläufig in eine Zuckerkrankheit münden würde, wusste der 47-Jährige nicht. Vor acht Jahren war es so weit. Als er seinen Hausarzt wegen einer Grippe aufsuchte, stellte dieser einen Typ 2 Diabetes fest. Anfangs gelang es mit Medikamenten, den Blutzucker einigermaßen einzustellen. Da Becker seinen Lebensstil aber nicht änderte, verschlechterte sich sein Zustand. Heute muss er Insulin spritzen. Im Diabeteszentrum der Ruhr-Universität in Bad Oeynhausen versucht er, seine Zuckerkrankheit besser in den Griff zu bekommen. Vollends im Klaren über die Dringlichkeit seiner Situation ist er sich allerdings immer noch nicht: "Angst vor den Folgen habe ich eigentlich nicht."

 

Individuelle Schulungen

Derartige Aussagen überraschen den Direktor des Diabeteszentrums, Professor Diethelm Tschöpe, schon lange nicht mehr: "Es ist bekannt, dass eine große Lücke klafft zwischen der medizinischen Gefahr und der Wahrnehmung der Patienten. Viele der Betroffenen zeigen wenig Bereitschaft, etwas an ihrem Lebensstil zu ändern." Daher hält der Diabetologe individuelle Schulungen für Diabetiker für besonders wichtig. Zum Standardprogramm von Patienten wie Andreas Becker gehören in dem Bad Oeynhausener Diabeteszentrum folglich auch Kochkurse, Informationen über gesunde Ernährung und Tipps zu angemessener Bewegung.

Tschöpe bezeichnet das Therapieangebot seiner Klinik als "mehrdimensionales endokrinologisches Behandlungskonzept". "Es ist wichtig, den Patienten zu vermitteln, dass Lebensstiländerungen auch dann noch sinnvoll sind, wenn bereits eine Zuckerkrankheit besteht." Denn eine verbesserte Stoffwechselsituation macht es unter Umständen sogar möglich, auf manche Medikamente wieder zu verzichten.

Darauf hofft auch Andreas Becker. Sein Ziel ist es, kein Insulin mehr spritzen zu müssen. "Laut Auskunft der Mediziner stehen meine Chancen dafür gut", berichtet er. Einen kleinen Erfolg hat er immerhin verbuchen können: Er wiegt schon einige Kilogramm weniger.



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